Verfasst: 29 Juni 2010.
Der 29 Juni.
Anton's Geburtstag.
& der Tag an dem Fernando Torres im Jahre 2008 Spanien zum Europameister schoss.
& eben um das Jahr 2008 geht es auch.
Im Sommer 2008 musste Anton gehen.
...
Es muss ein Donnerstag gewesen sein,
ich erinnere mich noch daran, dass wir an diesem Tag
drei Stunden hintereinander die gleiche Lehrerin hatten.
In Mathe & Physik.
Und wir hatten Englisch gehabt.
In den ersten beiden Stunden, hatten wir Englisch gehabt.
Es war ziemlich knapp vor den Ferien.
Die Konferenzen waren vor dem verhängnissvollen Tag gelaufen.
An das genaue Datum kann ich mich dieses Mal nicht erinnern.
Es war damals einfach zu viel für mich gewesen.
Ich war gerade erst ein paar Monate ohne Leoni, meine angebliche beste Freundin.
Der Streit mit Anton war nicht besser geworden.
Und nach dem ich einen dummen Fehler gemacht hatte, sprach auch mein bester Freund nicht mehr mit mir.
Dennoch hatte auch dieser einen Fehler gemacht, der es mir nicht mehr möglich machte auch nur annähernd an ihn heran zu kommen.
Dies alles waren Faktoren, die damals meine Seele zu zerfressen drohten.
Wie sehr hatte ich mir manchmal gewünscht,
Anton niemals wieder sehen zu müssen.
Ihm einfach aus dem Weg gehen zu können.
Ihn nicht mehr ertragen zu müssen.
Ich hatte mir manchmal so sehr gewünscht,
dass ich seine Nähe nicht mehr spüren müsste.
Ich hatte nicht gewusst, dass es noch viel grausamer war,
diese quälende Nähe zu verlieren.
Damit den Streit und jeglichen Kontakt zu Anton...
Anfang Sommer 2008 hatte ich im Unterricht noch neben Fabrice gesessen.
Wir kamen jetzt schon besser miteinander aus.
Er war so ungewohnt nett zu mir gewesen.
Und das nur, weil ich ihm vor einigen Wochen eine Ohrfeige verpasst hatte.
Vanessa saß wie so oft neben Anton.
Ich konnte die beiden vom meinem Platz aus sehen.
Es war der Donnerstagmorgen nach den Konferenzen, als ich Fabrice fragte, wer sitzen bleiben würde.
Denn die Fünf, die Anton in Mathe bekommen hatte, lies mich nicht mehr ruhig schlafen.
Ich hatte verdammte Angst.
"Ich", hatte Fabrice ganz trocken gesagt.
Eigentlich durfte er gar nichts sagen,
das schien ihm bei mir allerdings egal zu sein.
"Du!?", flüsterte ich fassungslos zurück.
"Nein, war ein Scherz", entwarnte er.
& ich konnte wieder ausatmen.
Es war einer der letzten Atemzüge, bevor ich das Gefühl bekam innerlich zu sterben.
"Also, wer?", setzte ich erneut an.
Rechnete wieder mit einem dummen Scherz.
"Anton", sagte Fabrice.
Anton. Anton. Anton.
Ich sah Fabrice ungläubig an.
"Dieses mal verarsch ich dich nicht", sagte Fabrice ernst, "Anton bleibt wirklich sitzen".
Anton bleibt wirklich sitzen.
Mir wurde schlecht.
Mir wurde kalt.
Ich begann zu zittern.
Ich wurde blass.
Ich senkte den Blick & musterte mit flacher Atmung meinen weißen Tisch.
Mein Gesicht müsste in diesem Moment die gleiche Farbe angenommen haben.
Wir hatte noch Unterricht, doch das interessierte mich alles gar nicht mehr.
Ich konnte es nicht fassen, ich wollte es einfach nicht glauben !.
Fabrice hatte irgendwann meinen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck bemerkt.
Nach dem ich Minutenlang regungslos auf meinem Platz gesessen hatte.
Atmete ich überhaupt noch?
"Was ist los?", hatte Fabrice gefragt.
"Nichts", hatte ich monoton und leise von mir gegeben.
Ich war nicht dazu in der Lage mich zu bewegen, ich hatte nicht mal jemanden ansehen können.
Ich hatte genau gewusst, hätte ich den Blick gehoben, hätte ich Anton angesehen.
Anton der jetzt noch vor mir saß, aber bald nicht mehr und nie wieder dort sitzen würde.
Denn Anton würde nach diesem Sommer in eine neue Klasse gehen.
"Ich hau jetzt solange meinen Kopf auf den Tisch bis du wieder lachst", hatte Fabrice von sich gegeben.
An diesen einen Satz erinnere ich mich noch heute, ganz genau.
Und er hatte es getan.
Er hatte seinen Kopf tatsächlich ein paar Mal auf die Tischplatte geschlagen.
Allerdings nur solange, bis ich ihn bat damit aufzuhören.
Weil ich dieses dumpfe Aufklatschen nicht mehr hören konnte.
Das Blut rauschte mir sowieso schon so in den Ohren.
Mein Herz tat auf eine unbeschreibliche Art weh & meine Lungen drohten aufzugeben.
Entgültig.
Ich weiß noch, das ich in der Fünf-Minuten Pause kurz heraus gerannt war.
Nur bis zur Treppe.
Vanessa war mir gefolgt, sie hatte es schon gewusst.
Anton hatte es ihr selbst gesagt.
Ich wollte es immer noch nicht glauben.
Es durfte einfach nicht wahr sein.
Es war nicht mal 9 Uhr, ich musste zurück in den Unterricht und noch einen ganzen Tag über mich ergehen lassen.
Diesen Tag & wenige weitere, die Anton noch in dieser Klasse verbringen würde.
Ich weiß noch, das Vanessa mir erzählt hatte, Anton wäre der Meinung, dass ich mich jetzt freuen würde.
Ja natürlich.
Ich wäre fast gestorben, vor Freude !
Dann gongte es zur großen Pause.
Meine Ohren waren langsam taub vom ganzen rauschendem Blut.
Mir war immer noch schwindelig.
Irgendwie war ich aus der Klasse und auf den Flur gelaufen.
Ich hatte mich an eine der buntbemalten Säulen gelehnt.
Vanessa hatte auf der Heizung neben mir gesessen.
Unsere Biologie-Lehrerin war kurz bei mir stehen geblieben, als sie auf dem Flur entlang ging.
Sie hatte mich gefragt ob mein Kreislauf okay wäre.
Alles sei bestens, hatte ich geantwortet.
Sie war weiter gegangen und wenig später war ich an dieser kalten Steinsäule hinabgerutscht.
Ich hatte mich mit dem Rücken daran gelehnt und saß mit eingezogenen Beinen auf dem Fußboden und starrte ins Leere,
Nichts war bestens, alles war grausam.
Ich hatte kaum mitbekommen, wie plötzlich die Mathelehrerin vor mir stand, die Anton eine der verhängnissvollen Fünfen gegeben hatte.
"Gehts dir nicht gut?", hatte sie mich gefragt, "du siehst so blass aus".
"Alles gut", log ich.
Das Sprechen viel mir schon schwer.
"Oder frühlst du dich ungerecht benotet?", fragte sie weiter nach.
"Nein, die Zwei ist okay", murmelte ich.
War sie auch.
Nur Anton's Fünf war verdammt noch mal nicht okay!
Und ich war nicht okay!
"Gut", hatte sie gesagt.
Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich glaube mich daran erinnern zu können, wie sie mir noch eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich, weil mir der Pony über den Augen hinh.
Dann war sie gangen.
Und ich war in Tränen ausgebrochen.
Mir war es so scheiß egal, dass die halbe Klasse mich heulen sah.
Mir war es so scheiß egal, was ich jetzt tat.
Mir war es so scheiß egal, dass Leoni auf der andere Seite des Flur gesessen hatte und mich verwundert angesehen hatte.
Mir war es so scheiß egak, dass mein damals blauer Mascara meine Wangen hinunterlief.
Ich konnte nicht mehr.
Diese Gefühle in mir, hatten gedroht mich zu zerreißen.
Während ich den Kopf auf die angewinkelten Knie gelegt hatte, zitterten meine Schultern.
Ich hatte mich so verdammt erbärmlich gefühlt.
So alleine gelassen.
Und so hilflos.
Eine Freundin die auf der Heizung neben Vanessa gesessen hatte, hatte noch gesagt: "sollten wir sie nicht trösten?".
"Wie denn?", hatte Vanessa mit einer Gegenfrage geantwortet.
Und das wars gewesen.
Dann roch ich plötzlich Kara.
Mit Kara hatte ich damals kaum zu tun & sie war damals die einzige gewesen die geraucht hatte.
"Was ist denn mit dir los?", sie hatte sich neben mich gesetzt und eine Hand behutsam auf mein Knie gelegt.
Ich hatte nicht geantwortet.
Nur leise aufgeschluchzt.
"Willst du nicht reden?", hatte Kara liebevoll gefragt.
Ich hatte schwach mit dem Kopf geschüttelt.
Mein ganzes MakeUp war inzwischen verlaufen.
Blaue Tränenschlieren zierten mein nasses, blasses Gesicht.
"Aber wenn du reden willst, komm zu mir", Kara hatte mir noch einmal sanft über's Knie gestrichen, war dann aufgestanden und fort gegangen.
Ich hatte schon ziemlich lange dort an der Säule gelehnt und geweint.
Ich war gerade dabei gewesen mich zu beruhigen.
Noch mit nassem Blick und immer mal wieder kommenden Tränen hatte ich versucht den Kopf hoch zu halten.
Als plötzlich Anton wieder auf dem Flur erschien.
& einmal in seiner lockeren Art "Moin!", brüllte.
Da sank mein Kopf wieder auf die Knie und ich begann wieder jämmerlich zu schluchzen.
Und das alles vor Anton.
Und das alles wegen Anton.
Hörte dieser Schmerz denn nie auf?
Als die Mathlehrerin wieder kam, bat ich Vanessa mit mir draußen zu bleiben.
Die Lehrerin hatte mich in diesem Zustand gesehen & vorher schon bemerkt, dass es mir alles andere als gut ging.
Sie ließ uns die ganzen zwei Stunden vom Unterricht fern bleiben.
Gab mir sogar Taschentücher.
Ich hatte mit Vanessa auf einem der Tische gesessen und geheult.
und geheult.
und geheult.
Und immer wieder kreiste in meinem Kopf herum, dass mit Anton nun alles vorbei sein würde ...
Nach diesen zwei Stunden kehrte ich völlig fertig in den Unterricht zurück.
Die Lehrerin hatte gefragt ob es mir besser ginge, ich hatte schwach genickt.
Es war gelogen.
Mir ging es verdammt dreckig.
Und aus diesem Zustand sollte ich Wochenlang nicht mehr heraus kommen.
Aber, dass ich Wochenlang in meinem Zimmer liegen und vor weinen schreien würde, hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst ...
Ich hätte noch länger von ihrem Unterricht fern bleiben dürfe, aber ich riss mich zusammen und biss mich durch.
Später, nach der Schule bekam ich noch Nachricht von Vanessa.
Anton hatte gefragt, warum ich so geweint hätte.
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ohman sitzenbleiben ist sicher nicht so dramatisch.
AntwortenLöschen*seufz.*
ich find die texte schön.
AntwortenLöschendie hören sich an, wie in einem roman. xd