Willkommen in meinem Leben




[47] Opa's Geburtstag.

[47]


11. Dezember 2010.
Samstag.


Opa hatte schon einige Tage vorher Geburtstag gehabt,
allerdings mitten in der Woche.
An diesem Samstag hatte er seinen Geburtstag feiern wollen.
Mit der ganzen Familie.

Selbst meine Cousine Magdalene und ihre kleine Tochter Jette kamen.
Sie wohnten weiter weg & seit Jette in diesem Jahr zur Schule gekommen war,
sah ich sie nur noch selten.
Mit Magdalene hatte ich einige Tage vorher schon am Telefon gesprochen.
Sie hatte nach Nico gefragt.
Weiß der Teufel, wer da schon wieder geplaudert hatte.

Sie hatte Nico bereits am Freitagabend kennen gelernt,
sie mochte ihn sofort.

Ich war froh Magdalene mal wieder ein paar Tage um mich zu haben.
Ich mochte sie sehr.
Sie war einer der wenigen Menschen aus meiner Familie, den ich wirklich liebte.


Wir gingen also Essen an diesem Samstag Abend.
Opa hatte uns alle eingeladen.
Meine Eltern.
Magdalene und ihre Familie.
Tante Hannah.
Meine Lieblingsnachbarn.
& sogar Nico.

Nico und ich waren mittlerweile schon zwei Monate zusammen.
Für meine Familie gehörte er schon praktisch mit dazu.

Vorzeigefamilie. Vorzeigefamilie. Vorzeigefamilie ...
Der Abend verlief Anfangs eigentlich ganz gut.
Jette hing mir ziemlich am Rockzipfel.
Aber das störte mich gar nicht.
Ich mochte die kleine sehr.
Und sie mich eben auch.

An Nico hatte sie auch sehr schnell etwas gefunden.
Ich fand es süß das die beiden sich gut verstanden.

Die erste Situation die an diesem Abend eskalierte begann,
als das Essen aufgetischt wurde.
Nudeln.
Nico kannte mein Problem.
Ich hatte allerdings zu ihm gesagt,
dass ich es heute Abend nicht machen würde.
Ihm zu Liebe.
Doch es ging nicht.
Nach dem Essen war ich aufgestanden.
Nico hatte bereits gemerkt, dass es mir nicht gut gegangen war.
Mir war schlecht gewesen.
Ich hatte dieses Gefühl nicht ausgehalten.
Er hatte meine Hand gehalten.
ich hatte ihm ein klägliches "es tut mir leid", zugeflüstert.
Dann hatte ich es hinter mich gebracht.
Danach & nach ein paar Gläsern Rotwein ging es mir besser.
Die Stimmung an diesem Abend war Stellenweise sowieso immer ein bisschen gedrückt gewesen.
Wegen Tante Hannah.
Tante Hannah bekam seit Monaten Chemo.
Das sie nicht wieder gesund werden würde, damit mussten wir uns alle abfinden.
Anfangs hatte ich damit große Probleme gehabt.
Ich hatte es gar nicht wahrnehmen können, nicht realisieren.
Langsam kam das aber.
Und an diesem Abend ziemlich schlimm.

Ich verstand mich zwar sehr gut mit Tante Hannah,
weil ich viel über die Dinge hinweg sah.
Teilweise wurde sie einfach grundlos frech, auch an diesem Abend.
Zu Hause lies sie oft Sachen auf dem Herd stehen.
Kippen auf dem Tisch abbrennen, all sowas.

Tante Hannah fuhr nicht mehr nach dem Essen mit zu Opa nach Hause.

Wir allerdings schon.
Ich weiß gar nicht mehr genau wie das kam.
Ich hatte bei Opa schon ein paar Glas Sekt getrunken.
Auf den Rotwein, auf den leeren Magen.

Ich hatte mir ein neues Glas Sekt eingeschenkt,
war in die kleine Küche gegangen, hatte mich an die Arbeitsfläche gelehnt und aus dem gegenübergelegenem Fenster heraus gestarrt.
Es war stockfinster draußen.
Und alles was ich draußen sah, war sowieso nur mein Spiegelbild in der Fensterscheibe.

Meine Oma war nach einer Weile in die Küche gekommen.
"Hast du was?", hatte sie mich gefragt.
"Hannah, ich find das so furchtbar ...", hatte ich gemurmelt.

Meiner Oma hatten sofort die Tränen in den Augen gestanden.
Doch da war Oma wie ich,
sie weinte nicht gerne.
Zeigte nicht gerne ihre Gefühle.

"Ja", hatte sie gesagt.
Sich ein Taschentuch vor den Mund Gehalten.
"Mich bringt das um".

Dann war sie schnell verschwunden.

Ihr letzter Satz hatte mir die Tränen in die Augen getrieben.
Den Sekt kippte ich halb herunter.
Kurze Zeit später kam Magdalene in die Küche.
"Süße, was ist denn los?".
"Hannah macht mich traurig", sagte ich wieder.
"Das macht es uns alle", hatte sie gesagt.

Hannah war ihre Mutter.

Sie hatte mir noch über die Wange und eine Haarsträhne aus dem Gesicht gestrichen.
Dann war auch sie wieder gegangen.
Ihre aufmunternden Gesten machten meine Stimmung nicht gerade besser.
Diese liebevollen Aufmunterungen war ich nicht gewohnt.

Meine 'Mutter' brachte das Fass dann zum Überlaufen als sie irgendwann in der Küche aufgetaucht war.
Sie war der Meinung mich in den Arm nehmen zu müssen.
Damit brauchte sie jetzt auch nicht mehr anfangen.

Ich hatte nur noch mehr geweint.

"Nico sucht dich schon, hör auf zu weinen", hatte sie gesagt.

& Nico hatte mich tatsächlich schon gesucht.
Er stand im Türrahmen.
"Alles okay?".

"Klar", hatte ich geantwortet als meine 'Mutter' mich endlich wieder los gelassen hatte.
Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht.

"Soll ich hier bleiben?", hatte meine 'Mutter' gefragt.
Ich hatte den Kopf geschüttelt.
"Nico?".
Wieder ein Kopfschüttel meinerseits.
"Dann komm"

Beide hatten die Küche verlassen.
Ich wischte mir noch einmal sorgfältig die Tränen ab.
Kippte das restliche halbe Glas Sekt.

Holte mir ein im Wohnzimmer ein neues
& setzte mich dann zu Nico in den Wintergarten.
Beruhigungszigarette rauchen.

Nico hatte meine Hand genommen und mich tröstend angesehen.



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